AFFOLTERundSIEBER
der satirische Polit-Blog

Zugegeben, alte weisse Männer sind gerade nicht angesagt: zu alt, zu weiss, zu nervig. Kurz, einfach unmöglich. Dennoch melden sich AFFOLTERundSIEBER zu Wort, und zwar deutlich. Aus Lust an der Kritik und aus Ärger über die herrschenden Zustände. Als da unter anderem wären: die Macht der Konzerne, die Hilflosigkeit der Politik, die Zumutungen des Alltags. Und natürlich auch die grässliche Fröhlichkeit der RadiomoderatorInnen.

Freuen Sie sich auf überraschende Dialoge von AFFOLTERundSIEBER. Schalten Sie ein, wenn es wieder heisst: "Jetzt reden wir".

Nr. 36 - Der Glaube macht selig

Sieber: Ich verliere langsam den Glauben an die Menschheit.

Affolter: Nur langsam? Das geht ja noch.

Sieber: Kaum beginnt das neue Jahr, könnte man sich schon wieder die Haare raufen. Dabei habe ich gerade erst alle diese trottelhaften Rückblicke aufs vergangene Jahr überstanden.

Affolter: Das wollen die Leute so.

Sieber: Ich bin nicht die Leute.. Man muss mir nicht alle Scheusslichkeiten der Menschheit am Ende des Jahres in kompakter Form noch einmal servieren. 

Affolter: Immerhin, wenn du den Glauben an die Menschheit nur in gemächlichem Tempo verlierst, reicht es noch, bis wir eines Tages dem Herrn entschlafen.

Sieber: Willst du einen standhaften Atheisten provozieren?

Affolter: So hat man es formuliert, als der Benedikt gestorben ist.

Sieber: Was, dieser SBB-Mensch, dieser Benedikt Weibel, ist gestorben?

Affolter: Doch nicht der, der stürmt nach wie vor ungefragt alle Redaktionsstuben. Dem Herrn entschlafen ist der richtige Benedikt, der pensionierte Papst.

Sieber: Ah so. Immerhin hat es dieser Herr mit seinem Wirken in roten Samtschuhen fertiggebracht, seine Schäfchen zuhauf aus den Gotteshäusern zu vertreiben.

Affolter: Aber man hat ihm ein schönes Begräbnis angedeihen lassen, das muss man der katholischen Kirche lassen.

Sieber: Da reisen höchste Vertretungen aus allen Ländern an, um eines Verhinderers, Vertuschers, Schönfärbers zu gedenken.

Affolter: Der Papst ist eben ein Staatsoberhaupt, hat der Mussolini seinerzeit so mit der Kirche in Rom ausgehandelt.

Sieber: Von unserer Regierung war niemand da, um den Entschlafenen zu begutachten. Dabei ist die Mehrheit im Bundesrat katholisch. Amherd ganz sicher, die St. Gallerin wohl auch, Berset als Fribourger vermutlich ebenfalls, der Tessiner sowieso.

Affolter: Die wollten schon hinfliegen, ging aber nicht.

Sieber: Ging nicht?

Affolter: Der Bundesratsflieger war in Revision und in Bersets einmotorigem Flügerli konnten unmöglich alle reinklettern.

Sieber: Schade.

Affolter: Man hat es versucht, aber man hätte Frau Amherd aufs Dach schnallen müssen.

Sieber: Sei's drum. Dafür rege ich mich über das neue offizielle Bundesratsfoto auf. Was sollen diese weissen Flecken im Hintergrund?

Affolter: Wer spricht schon von Fotos, jetzt wo der Bundesrat auf Instagram ist.

Sieber: Und das stärkt meinen Glauben in die Menschheit wieder?

Affolter: Wenn du jung bist und Bilder und kleine Filme von dir posten willst, dann stärkt es deinen Glauben an unseren Staat ungemein. Vor allem, wenn du zeigen willst, wie toll du bist und Party machst..

Sieber: Und man sieht dort, wie der Bundesrat Party macht?

Affolter: Nicht direkt, aber so ein Filmchen, wo gezeigt wird, wie es im Bundesratszimmer aussieht, ist nicht zu verachten.

Sieber: Wie interessant.

Affolter: Und dass sich der Bundesrat an den Sitzungen siezt, das wird dir jetzt auch auf Instagram näher gebracht.

Sieber: Wer sieht sich so etwas an?

Affolter: Eben, junge Leute. Es sollen sich bereits über fünfzigtausend dem Instagramauftritt unserer Regierung ausgesetzt haben.

Sieber: Die streben dann sicher alle bei den nächsten Wahlen an die Urnen…..

Affolter: Kann sein. Aber man will ein Millionenpublikum erreichen.

Sieber: Natürlich, schliesslich schafft das jede durchgeknallte Influenzerin, vorausgesetzt sie heisst Larissa oder so, im Handumdrehen.

Affolter: Weisst du wen die Bundeskanzlei für einen Auftritt im Bundesratszimmer gewinnen will?

Sieber: Den Papst?

Affolter: Prinz Harry!

Bern, 22. Januar 2023

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