AFFOLTERundSIEBER
der satirische Polit-Blog

Gelockerte Reise nach rechts

Sieber: Jetzt muss man lockern, und zwar subito.

Affolter: Wie du meinst. Gehst du jetzt ins Altersturnen?

Sieber: Nicht Glieder, Coronamassnahmen lockern!

Affolter: Selbstverständlich.

Sieber: Ausserdem sollte man sich jetzt einen Camper kaufen.

Affolter: Aha, es wird gelockert, dafür führt man wieder Leibeigene ein. Früher hielt man sich in der DDR einen Rentner, der durfte wegen des Alters rüber in den Westen und kam dann mit Waren zurück, die es im eigenen Land nicht gab, Dünger für den Garten, oder Medikamente.

Sieber: Was hat mein Lockerungsbedürfnis mit der DDR zu tun?

Affolter: Ich frage mich, weshalb man sich einen Menschen kaufen sollte, der irgendwo campen tut. 

Sieber: Kein Camper-Mensch, ein Auto!

Affolter: Du hast doch schon eins.

Sieber: Rentner kaufen sich massenweise Camper. Weil, jetzt wieder gereist werden darf. Ausserdem können wir nicht fliegen.

Affolter: Der ökologische Fussabdruck?

Sieber: Nein, Blogger können nicht mehr gefahrlos fliegen. Stell dir vor, wir sitzen im Flieger und kurz vor London zwingt die Royal Air Force unsere Maschine zur Landung und wir zwei werden aus den Sitzen gezerrt von MI5-Agenten wegen angeblicher Beleidigung des Königshauses. 

Affolter: Begriffen. Und was nützt dem Rentner ein Camper?

Sieber: Man kommt herum, ist unabhängig und ist geschützt vor Corona. Ausserdem kann man sauberes Schweizer Wasser mit sich führen, ganz ohne Pestizide, nicht wie im Ausland.

Affolter: Jetzt habe ich gemeint, es sei damit langsam vorbei.

Sieber: Das Virus ist immer da. Ausserdem kann man im Camper schlafen.

Affolter: In einem Fahrzeug schlafen? Werden denn die Hotels nicht geöffnet, jetzt wo gelockert wird?

Sieber: Doch, aber mit so einem Camper ist man eben für sich. Und man kann  gehen, wohin man will. 

Affolter: Gehen? Ich habe gemeint, man fährt.

Sieber: Jetzt hör doch auf mit deiner negativen Einstellung. Wie gesagt, alle haben einen Camper, vor allem die Rentner.

Affolter: Schön. Und womit geht man, ich meine fährt man?

Sieber: Eben, mit dem Camper.

Affolter: Ich meine, fährt das Ding mit Wasserstoff?

Sieber: Mit Benzin oder mit Diesel, je nachdem.

Affolter: Aber haben wir nicht wieder Klimawandel, jetzt wo sich das Virus langsam zurückzieht?

Sieber: Herrgott, es ist Sommer, es wird gelockert, da ist es doch nichts als normal, dass alle verreisen wollen. Und wir haben ja abgestimmt und die deutliche Mehrheit unseres Volkes ist über den Klimawandel nicht besorgt, alles nur Angstmacherei der Linksliberalen. 

Affolter: Das ist aber beruhigend. Dürfte ich noch etwas fragen zu den Campern?

Sieber: Wenn es unbedingt sein muss.

Affolter: Nehmen wir an, die Leute mit ihrem Camper sind dort, wo sie hin wollen, was machen sie dort?

Sieber: Die meisten gehen Velofahren.

Affolter: Aha, die haben Velos dabei. Da hätten sie doch gleich den Camper zu Hause lassen und mit dem Velo ans Meer oder ins Tirol fahren können.

Sieber: Schon, ist aber eher anstrengend, von hier bis ans Meer. Ausserdem ist man mit dem Velo auf so einer weiten Strecke ungeschützt der Wut der EU-Bevölkerung ausgesetzt.

Affolter: Aber wir Schweizer sind doch überall beliebt, haben Geld und lassen welches im Ferienland liegen. Ausserdem zahlen wir Kohäsionsmilliarden. Wir blechen für die EU, ohne Mitglied zu sein.

Sieber: Auf dem Velo sind wir sofort als reiche Schweizer zu erkennen: Supervelo  für mehrere tausend Franken, schicker Helm, gepolsterte Höschen, damit der Hintern nicht wundscheuert, Velohändschli.

Affolter: Fehlt nur noch das Schweizerfähnli am Hinterrad.

Sieber: Nur das nicht ! Wir sind doch jetzt das Wutobjekt in der ganzen EU, die Profiteure, die dieses Rahmenabkommen abgelehnt haben. 

Affolter: Dann kann man in Südfrankreich Velofahren gehen, das ist Le Pen-Land und die haben grosse Freude am Anti-EU-Kurs der Schweiz. 

Sieber: Ungarn geht auch. Aber wie gesagt, darum der Camper. Da ist man besser geschützt vor Steinwürfen.

Affolter: Super, wir fahren zu den Rechtsextremisten und Populisten Europas, dort sind wir willkommen. Thüringen ist auch ganz nett.

Sieber: Da müssen wir aber umfassende Vorbereitungen treffen.

Affolter: Das tönt anstrengend.

Sieber: Keineswegs. Wir lernen das Horst Wessel-Lied auswendig und montieren am Camper einen AfD-Kleber.

Affolter: Ich nehme lieber den Nachtzug nach Rom und besuche den Vatikan, die sind auch nicht in der EU, glaube ich.

20. Juni 2021