AFFOLTERundSIEBER
der satirische Polit-Blog

Zugegeben, alte weisse Männer sind gerade nicht angesagt: zu alt, zu weiss, zu nervig. Kurz, einfach unmöglich. Dennoch melden sich AFFOLTERundSIEBER zu Wort, und zwar deutlich. Aus Lust an der Kritik und aus Ärger über die herrschenden Zustände. Als da unter anderem wären: die Macht der Konzerne, die Hilflosigkeit der Politik, die Zumutungen des Alltags. Und natürlich auch die grässliche Fröhlichkeit der RadiomoderatorInnen.

Freuen Sie sich auf überraschende Dialoge von AFFOLTERundSIEBER. Schalten Sie ein, wenn es wieder heisst: "Jetzt reden wir".

Heute zum Thema:

Rückwärts, seitwärts, vorwärts, marsch!

Sieber: Jetzt ist unser guter Stil gefragt, Savoir Vivre sozusagen. Aber Obacht: es wird schwierig.

Affolter: An mir soll's nicht liegen, ich trage seit sechzig Jahren Jeans.

Sieber: Es geht nicht um deine Hosen. Schwierig ist: wir können von nichts zurücktreten.

Affolter: Ich schon, ich trete jeden Tag zurück, und zwar vom Fussgängerstreifen. Sonst werde ich von einem Velofahrer über den Haufen gefahren.

Sieber: Das ist eben die Verkehrswende. Du mit deinem Stock beeinträchtigst den fahrradtauglichen Langsamverkehr.

Affolter: Langsam? Ich bitte dich, alles rücksichtlose Raser, ähm Raserinnen und Raser.

Sieber: Darum geht es jetzt aber nicht

Affolter: Sondern?

Sieber: Um die elegante Geste des Rücktritts.

Affolter: Womit wir wieder beim Velo wären. Aber solche Bremsen sind total ausser Mode gekommen.

Sieber: Aber nicht Rücktritte von einem Amt. Die sind jetzt total en vogue.

Affolter: Ist das nicht schwierig in der Politik? Einfach so zurückzutreten.

Sieber: Deshalb wählen immer mehr Politgranden elegante Formen dieses manchmal unvermeidlichen Schritts: rückwärts, seitwärts und dann wieder vorwärts mit der Karriere. So geht das heutzutage, stilsicher eben. Denk nur an diesen Laschet.

Affolter: War der irgendetwas?

Sieber: Natürlich, Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat,

Affolter: Und davon will er nichts mehr wissen ?

Sieber: Nun ja, er macht den anderen Parteien ein Angebot, will Platz schaffen bei Bedarf, will die personelle Zukunft seiner Partei moderierend gestalten.

Affolter: Sehr verwirrend, finde ich. Aber wahrscheinlich ist sich das deutsche Publikum so etwas gewohnt.

Sieber: Ein noch stilvolleres Geschäft betreibt dieser Wunderknabe in unserem schnitzelförmigen Nachbarland.

Affolter: Der Österreicher Kurz? Ja, ein agiler Bursche.

Sieber: Genau. Stell dir vor: Hausdurchsuchung, Compi und iPhone durch die Polizei beschlagnahmt, Strafuntersuchung wegen Korruption, Bestechung und so fort.

Affolter: Klar, tritt er jetzt zurück. Darin hat er Übung, ist nämlich schon das zweite Mal. 

Sieber: Kurz? Keineswegs, er tritt zur Seite, wie er sich elegant ausdrückt, bleibt Chef seiner Partei und ist im Parlament der neue Fraktionsführer, alles nur im Interesse seines grossartigen Landes natürlich. Felix Austria, wie der Lateiner sagen würde.

Affolter: Aber ein bisschen viel ist es schon. Bestechung, Verwendung von Steuergeldern zur Förderung der eigenen Karriere. Findest du nicht auch?

Sieber: Es gilt die Unschuldsvermutung, betont er. 

Affolter: Und das ist jetzt elegant?

Sieber: Agil ist es auf jeden Fall, ich bin voller Bewunderung.

Affolter: Also ein Rücktritt als Akt von politischer Schönheit.

Sieber: Absolut. 

Affolter: Ich finde, bei uns hat sich diese Rücktrittsmode nicht durchsetzen können.

Sieber: Bei uns treten die Bundesrätinnen und Bundesräte nur altershalber zurück.

Affolter: Ausser seinerzeit diese Frau Kopp. Das war so etwas von stilsicher, ihr Satz "Mich trifft weder moralisch noch juristisch eine Schuld". Deshalb ist es schade, dass wir von nichts zurücktreten können, wir haben ja keine Ämter mehr.

Sieber: Ich schon. Ich bin Co-Vizepräsident der Gleichstellungskommission des Kantons Bern.

Affolter: Co-Vizepräsident, gibt es das?

Sieber: Selbstverständlich, im Kanton Bern jedenfalls.

Affolter: Gut, dann trete zurück.

Sieber: Möchte ich aber nicht, sicher nicht von selber.

Affolter: Du könntest dir für die nächste Sitzung ein provokatives T-Shirt anziehen mit etwas Un-Gendermässigen drauf.

Sieber: Für mich unglaubwürdig.

Affolter: Stimmt, dieser Maurer musste auch nicht zurücktreten, als er sein Trychler-Shirt zur Schau stellte.

Sieber: Typisch Ueli eben, aber halt nur ein Provokatiönchen.

Affolter: Dafür wird gemunkelt, er trete Ende Jahr zurück. Altershalber.

Sieber: So etwas Profanes.

Affolter: Aber genau mit diesem Argument könntest du doch zurücktreten. Du bist schliesslich 70 und es wäre an der Zeit…..

Sieber: Kommt nicht in Frage!

Affolter: Ich hab’s. Ich mache bei dir eine Razzia

Sieber: Na und?

Affolter: Ich finde bei dir im Putzschrank drei Kilo vergammelte Gender-Sternchen.

Sieber: Damit bin ich stilvoll raus. Definitiv.


24. Oktober 2021

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