AFFOLTERundSIEBER
der satirische Polit-Blog

Zugegeben, alte weisse Männer sind gerade nicht angesagt: zu alt, zu weiss, zu nervig. Kurz, einfach unmöglich. Dennoch melden sich AFFOLTERundSIEBER zu Wort, und zwar deutlich. Aus Lust an der Kritik und aus Ärger über die herrschenden Zustände. Als da unter anderem wären: die Macht der Konzerne, die Hilflosigkeit der Politik, die Zumutungen des Alltags. Und natürlich auch die grässliche Fröhlichkeit der RadiomoderatorInnen.

Freuen Sie sich auf überraschende Dialoge von AFFOLTERundSIEBER. Schalten Sie ein, wenn es wieder heisst: "Jetzt reden wir".

Aktuell - AFFOLTERundSIEBER reden über sich

In der Berner Zeitung (BZ vom 7. Januar 2022) spricht die Journalistin Sheila Matti mit Ueli Affolter und Hansjürg Sieber über die Entstehung von AFFOLTERundSIEBER, warum politische Satire für die Schweiz wichtig ist und wie man der Corona-Pandemie auch Komik abgewinnen kann. Zum kostenpflichtigen Artikel gehts hier.
Sie können den ganzen Beitrag auch hier als PDF lesen, das uns die BZ freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Beitrag Nummer 22 zum Thema:

Politiker, Passanten und Passantinnen

Sieber: Von dieser Tradition bin ich beeindruckt.

Affolter: Gut, wir treffen uns jeden Dienstag zum Kaffee. Aber der heute war lauwarm und Gipfeli gab's auch keine mehr, um halb zehn, ich bitte dich. 

Sieber: Trotzdem, an der Tradition kann man Halt finden, sogar Zuversicht.

Affolter: Ist das eine Neujahrsansprache?

Sieber: Die vom neuen Bundespräsidenten hat mir auf jeden Fall Halt vermittelt, sogar eine optimistische Grundstimmung ist über mich gekommen.

Affolter: Wer ist das überhaupt, der neue Bundespräsident?

Sieber: Cassis.

Affolter: Kenn ich nicht. 

Sieber: Kannst du dir leicht merken, einfach an den Sirup denken.

Affolter: Sirup?

Sieber: Cassis-Sirup, dann hast du's.

Affolter: Und was hat dich an dieser Cassis-Rede zum neuen Jahr so erwärmt?

Sieber: Er steht da in seinem Wintermantel, mit gekreuztem Halstuch, wie es nur noch alte Männer um den Hals drapieren...

Affolter: Irgendwie verbinde ich den Mann mit einem geblümten Sofa. Komisch.

Sieber: Er spricht also auf der Münsterplattform von Zusammenhalt, Vielfalt, Kompromissen.

Affolter: Das sind doch Textbausteine.

Sieber: Schon möglich. Aber wie er voller Zuversicht in die Kamera blickt, die Hände gemessen hin und her bewegt, und das alles wie gesagt auf der zugigen Münsterplattform, wo die Passanten achtlos an ihm vorbeihuschen - das ist schon grosse Klasse.

Affolter: Ich wäre eingeschlafen.

Sieber: Ich keineswegs. Nach zwei Minuten fünfunddreissig spricht er das Virus direkt an, da ist man hellwach.

Affolter: Potzblitz.

Sieber: "Wir lassen uns nicht spalten", herrscht er das Virus an und blickt streng in die Kamera des Schweizer Fernsehens.

Affolter: Da hat sich aber das Virus sehr erschreckt. Trotzdem, nach diesem Coup wäre ich wieder eingeschlafen. 

Sieber: Dann hättest du den Höhepunkt verpasst. Ganz am Schluss 'schürzt sich der Knoten', wie wir Altphilologen zu sagen pflegen. Cassis sagt: "Äs guets Nöis!".

Affolter: Ist das jetzt eine neue Tradition, der Bundespräsident sagt am Schluss auf Schweizerdeutsch "Äs guets Nöis"?

Sieber: Klar, ein vollkommen neuer Ton wird angeschlagen.

Affolter: Da kann ja der Ogi mit seinem Gezupfe am Tannenbäumchen vor dem Lötschbergtunnel einpacken.

Sieber: Kandersteger Schnee von gestern. Immerhin hat diese Rede auch heute noch Kultstatus.

Affolter: Es gibt aber einen, einen Herrn aus Herrliberg, der hält sich für den besseren Bundespräsidenten, und der spricht erst noch drinnen an der Wärme. Der tritt in einer Lounge im Wankdorf auf.

Sieber: Und dort spricht dieser andere auch von Zuversicht, Vielfalt, Kompromissen und so?

Affolter: In seiner sogenannten 'Kulturrede' schlägt er einen Bogen von Adrian von Bubenberg zum unbedingten Einstehen für die absolute Eigenständigkeit der Schweiz. 

Sieber: Ich glaube, da wäre ich eingeschlafen, in dieser warmen Lounge.

Affolter: Umgekehrt aber sicher nicht.

Sieber: Umgekehrt?

Affolter: Ich wünschte mir, der Bundespräsident ginge ins volle Wankdorf und würde dort Klartext reden.

Sieber: Du meinst, ein solcher Wunsch-Bundespräsident würde im Stadion unumwunden Borniertheit, Dummheit und die Arroganz der Geldsäcke anprangern?

Affolter: Und die Spaltung des Landes durch eine Bundesratspartei klar und deutlich verurteilen.

Sieber: Und dieser 'Kulturredner'?

Affolter: Der andere, dieser Herr aus Herrliberg? Der steht auf der zugigen Münsterplattform und die Passanten gehen achtlos an ihm vorbei.

Sieber: Wie es sich gehört in einer rotgrünen Stadt.

9. Januar 2022

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